Alltagshoelle

Vom Ertragen des Unerträglichen

Er geht morgens aus dem Haus und sieht aufgemotzte Autos davor parkiert, sie sind hässlich. Er läuft die Strasse entlang an Einfamilienhäusern vorbei, sie sind geschmacklos. An manchen von ihnen sind Wintergärten angebaut, sie sind scheusslich. Ihm kommen nach der neuesten sogenannten Mode gekleidete und einen Rollkoffer hinter sich herziehende Schüler entgegen, sie wirken albern. Er setzt sich in einen Zug auf ein blau-grünes mit Frühstückresten übersähtes Sitzpolster, es ist widerlich. Die Mitreisenden lesen Gratiszeitungen, sie sind primitiv. Darin sind belanglose Meldungen über das Privatleben fremder und sogenannt prominenter Leute abgedruckt, es ist pervers. Hinter ihm erörtert jemand Beziehungsprobleme am Handy, es ist peinlich. Und ein anderer trinkt einen Energy-Drink, es riecht eklig. Am Endbahnhof angekommen steigt er aus dem Zug aus und geht an einer ihrem perversen Fotografiertrieb fröhnenden Touristengruppe vorbei, sie wirken lächerlich. Sie fotografieren sich und andere Scheusslichkeiten und nehmen dabei den ganzen öffentlichen zum Zweck des Fussgängerverkehrs eingerichteten Raum für sich ein, es ist mühsam. Er verlässt den Bahnhof und sieht die Erzeugnisse moderner Architektur, sie ist langweilig. Er läuft über ein von Rentnermassen verstopftes Trottoir an einem Busparkplatz vorbei, es ist eine Plage. Diese begeben sich als Ausdruck ihrer senilen Konsumtorschlusspanik auf eine Reise in das für seine günstigen Einzelhandelspreise bekannte benachbarte Ausland, es ist abstossend. Er kommt am Arbeitsplatz an, dort ist es dreckig. Er arbeitet den ganzen Tag mit schlampig zusammengeschusteter und schlecht funktionierender Software, es ist zermürbend. Am Abend, nachdem er noch einmal die Stadthölle und die Bahnhofshölle und die Einfamilienhaushölle ‒ und also die Alltagshölle hinter sich gelassen hat, hört er sich etwas von Bach an, und es ist schön. Und er ist gerettet.