Bipolarität

Zwischen Himmel und Hölle

Da liest einer zum Morgenkaffee Humes Erkenntniskritik, langweilt sich tagsüber im Büro, erheitert sich am abends beim Besäufnis mit Arbeitern, kehrt heim, wo ihm Jean Pauls Vorschule der Ästhetik (Tredition Classics, 514 Seiten) in die Hände fällt, schlägt es auf und liest darin:

«Die bestimmtesten besten Charaktere eines Dichters sind daher zwei alte, gepflegte, mit seinem Ich geborne Ideale, die beiden idealen Pole seiner wollenden Natur, die vertiefte und erhabne Seite seiner Menschheit. Jeder Dichter gebiert seinen besondern Engel und einen besondren Teufel; der dazwischenfallende Reichtum von Geschöpfen oder die Armut daran sprechen ihm seine Grösse entweder zu oder ab.» (Seite 207)

Er denkt an Thomas Bernhard, an den Famulus und an den Maler Strauch; und denkt an Franz-Josef Muraus Ideale Spadolinis und Eisenbergs einerseits – und die einfachen Leute unten im Ort andererseits; an Atzbacher und Reger – an die Verschmelzung von Bernhards Idealen des Ignoranten und des Wahnsinnigen. Er denkt an die unerträgliche Mitte, wie sie der Philister Tschitschikow in Gogols Toten Seelen darstellt, oder an Winston Smith in Orwells 1984, der die Zuflucht bei den Proles einerseits und bei O'Brien andererseits sucht. Er denkt an Jüngers Waldgänger, der eine Gratwanderung zwischen Antike und Moderne begeht. Er denkt an Nassim Talebs intellektuellen Nero einerseits und an den antiintellektuellen Fat Tony andererseits. Er hört sich zum Entspannen Bachs Oboenkonzerte und die 2. Orchestersuite an; manchmal ist ihm aber Heavy Metal lieber. Bei Flöten- und Gitarrensoli denkt er an Himmel und Hölle – und er merkt, dass er dazwischen schlecht aufgehoben ist. Er befindet sich in ständiger Spannung zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen, ergötzt sich am Stubenhocker Schopenhauer einerseits und am Sturmtruppenführer Jünger andererseits. Er weiss, dass er den Alltag auf Dauer nicht ertragen kann, jedoch an grösseren Zielen scheitern und zu Grunde gehen wird. Er denkt dabei an Dostojewskijs Raskolnikow.

Unserer Geburt geht eine unendlich lange Zeit voraus, in der wir noch nicht existieren. Unserem Tod folgt eine unendlich lange Zeit, in der wir nicht mehr existieren. Im Durschchnitt sind wir tot. Der Durchschnitt ist der Tod. Ich muss ihm fern bleiben, egal in welcher Richtung.