Bücher lagern
Von Reifeprozessen
Von Besuchern werde ich gelegentlich gefragt, ob ich denn all die Bücher in meiner Bibliothek schon gelesen habe. Nein, die meisten davon habe ich noch nicht gelesen. Vielleicht einen Drittel davon, wahrscheinlich weniger. Gelesene Bücher gebe ich oft weg, wenn ich sie nicht erneut lesen will. Weiter befinden sich Nachschlagewerke, Literaturgeschichten, Lexika, Gesamtausgaben und Wörterbücher in meiner Bibliothek, die ich nicht durchlese, sondern gelegentlich konsultiere oder ein paar Abschnitte, Seiten oder Kapitel darin lese.
Ich antworte meinem Besucher, der sich über die ungelesenen Bände wundert, indem ich meine Bibliothek mit einem Weinkeller vergleiche, wo auch nicht alle Flaschen schon ausgetrunken sind. Natürlich hinkt dieser Vergleich: Ein Buch muss nach erstmaligem Durchlesen noch nicht ausgelesen sein, wie eine Flasche Wein nach dem Austrinken ausgetrunken ist. Zwar gibt es Bücher, von denen mir nach der ersten Lektüre nur noch die Hülle übrig bleibt, also das gebundene Papier. Damit weiss ich nichts anderes anzufangen, als es in die Sammelstelle zurückzubringen – ins Antiquariat. Andere Bücher behalte ich nach der ersten Lektüre, um sie später erneut lesen zu können. Es sind Bücher, die scheinbar mit mir mitwachsen, wie es Mortimer J. Adler und Charles van Doren im Schlusskapitel ihres Werkes How to Read a Book beschrieben haben. Thomas Bernhards Auslöschung ist ein solches Buch. Ich habe es schon dreimal im deutschen Original und je einmal in einer englischen und einer französischen Übersetzung gelesen. Hermann Hesses Unterm Rad habe ich schon des öfteren gelesen – und werde es wieder lesen. Fëdor Dostoevskijs Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne) und Franz Kafkas Prozess habe ich zweimal gelesen – und werde sie erneut lesen. Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit, Ernst Jüngers In Stahlgewittern, Lev Tolstojs Krieg und Frieden, David Humes Untersuchung über den menschlichen Verstand, sowie einige Werke Gogols, sind alles Werke, die ich gelesen habe – und noch einmal lesen werde. Diese Bücher werden mir bei erneuter Lektüre noch mehr Freude bereiten.
Die vielen ungelesenen Bücher werden im Gegensatz zu gutem Wein nicht reifer, überstehen aber die Lagerung in meiner Bibliothek zumeist unbeschadet. Dafür werde ich hoffentlich reifer, und werde die gut gelagerten Bücher in einigen Monaten oder Jahren noch viel besser zu geniessen verstehen als jetzt. Bis dahin ziehe ich hie und da einen Band aus einem Bücherregal, blase den Staub vom Umschlag, nehme eine Kostprobe, und entscheide, ob der richtige Zeitpunkt zur Verköstigung schon gekommen ist – ob ich für die Lektüre schon reif genug bin. Ist dies nicht der Fall, schliesse ich den Band und lagere ihn wieder ein, in der Hoffnung, früher oder später die notwendige Reife dafür erlangt zu haben. Manch ein Buch ist mir auf diese Weise in meiner Bibliothek schon abgestanden, und ich musste mir nach mehrfachen, manchmal Jahre auseinanderliegenden Kostproben eingestehen, dass ich es besser nicht in meine Sammlung hätte aufnehmen sollen. Mit der Reife ändert sich eben auch der Geschmack.
Mit Büchern ist es nicht so einfach wie mit Rheinwein, den man anhand der Etikette von Essig unterscheiden könne, wie Mark Twain in seinem Bummel durch Europa schreibt. Wie man schlechten oder schlecht gewordenen Wein noch zum Einbeizen von Fleischstücken verwenden kann, kann man aus schlechten Büchern ein schönes Feuerchen machen und sich daran die Glieder wärmen. Wenn Abgestandenes unsere Seele nicht erheitern kann, so kommt es doch zweckentfremdet wenigstens dem Fleische zu Gute.