Der Bürogänger

Ein Tiefschlag

Erster Teil. Gneisberger geht an der Pädagogischen Hochschule vorbei und muss sich übergeben

Als der Zug von Willisau, schreibt Gneisberger, in Luzern gewohnheitsmässig auf Gleis 11 eintraf, und die Passagiere sich an den Türen sammelten, um den Zug zu verlassen und die Bahnhofshalle zu betreten, legte ich Thomas Bernhards Alte Meister in meine in der Luzerner Altstadt gekaufte braune Ledertasche, zog meinen in der Fribourger Neustadt gekauften schwarzen Filzmantel an, legte mir den von meiner Mutter geschenkten braunen Wollschal um den Hals, um mich vom Zug hinaus in den Bahnhof hinein und vom Bahnhof heraus in die Stadt hinein zu begeben, wobei ich nicht wie für den Morgen üblich den Weg durch den grossen Seitenausgang wählte, um den am See entlangführenden und um das Kultur- und Kongresszentrum herumführenden Weg zu gehen, und also einen Umweg zum Büro zu gehen, sondern wie für den Abend üblich und aus mir für den Morgen unerfindlichen Gründen den kürzeren Weg wählte; den an der Bahnhofsbäckerei vorbei durch den kleineren Seitenausgang hindurch zur Universität führenden und an der Universität vorbeiführenden und somit auch an der Pädagogischen Hochschule herumführenden Weg, was mich an mein im Büro anstehendes Treffen mit dem stadtbekannten Opernkritiker Bitterspacher erinnerte.

Geht man an der Pädagogischen Hochschule vorbei, sticht einem sofort ein faulig-modriger Geruch in die Nase. Die Pädagogische Hochschule stinkt zum Himmel, soviel ist bewiesen. Steigt man am Bahnhof aus dem Zug aus, sticht einem sofort der zum Himmel stinkende Geruch der Pädagogischen Hochschule – ein Verwesungsgeruch – in die Nase. So kann es geschehen, dass man im Entlebuch oder im Emmental, das die beste und mir zuträglichste Luft hat, einen Zug besteigt, um in Luzern ankommend beim Verlassen des Zuges mit dem widerwärtigen pädagogischen Verwesungsgeruch konfrontiert zu werden. Dieses Phänomen ist ein durchaus bekanntes, von der Pädagogischen Hochschule geht ein derart vernichtender Verwesungsgeruch aus, dass man glauben muss an einer Kloake vorbeizugehen. Schon seit Jahren beschweren sich in Luzern ankommende Touristen über den in dieser Stadt vorherrschenden Kloakengeruch, der in Wirklichkeit ein pädagogischer Verwesungsgeruch ist. Der Fremdenverkehrsverein der Stadt musste eigens eine Informationsbroschüre drucken, um die Touristen darauf hinzuweisen, dass es nicht etwa eine Kloake sei, die in Luzern derart zum Himmel stinke, sondern dass es die Pädagogische Hochschule sei, die in Luzern derart zum Himmel stinke, und also die Pädagogische Hochschule den für die Pädagogische Hochschule typischen Verwesungsgeruch, also den pädagogischen Verwesungsgeruch, und somit den Pädagogischen Hochschulverwesungsgeruch ausstosse. In Luzern stinkt nicht eine Kloake zum Himmel, es ist die Pädagogische Hochschule, die zum Himmel stinkt, so die Broschüre des Fremdenverkehrsvereins.

Um die Ecke ist ein sogenanntes Fitnessstudio untergebracht, in dem sich das von sozialen Abstiegsängsten geplagte und das sich vor einer Gewichtszunahme fürchtende und das sich ständig vor irgendwelchen Infektionen schützende Kleinbürgertum auf die widerwärtigste Art und Weise den sogenannten Winterspeck abtrainiert, den es sich während der Festtage angefressen hat. Das Schweizer Kleinbürgertum quält sich Abend für Abend in diesen widerwärtigen und scheusslichen Fitnessstudios ab, um sich den vom unverhofft eingetretenen Kleinbürgerwohlstand angefressenen Kleinbürgerwohlstandsbauch abzutrainieren. Den Schweizer Kleinbürger kann man sich nur noch als täglich im Fitnessstudio trainierenden vorstellen, oder als samstagvormittags autowaschenden oder rasenmähenden, oder in der Ferienzeit als weissbesockten, sandalentragenden, alles fotografierenden Pauschaltourist am Mittelmeer oder in einer europäischen Grossstadt, dachte ich, immer noch vor dem Fitnessstudio stehend. Das Schweizer Kleinbürgertum ist schneller zu Wohlstand gekommen, als es an geschmacklichem Urteilsvermögen dazugewonnen hat. Die Formlosigkeit des Schweizer Kleinbürgertums ist eine ungeheuerliche Schlampigkeit und eine gegen jeden Geistesmenschen gerichtete Infamie. Das Schweizer Kleinbürgertum verkörpert die Stillosigkeit wie kein anderes Volk, dachte ich nun, mich vom Fitnessstudio langsam entfernend. Fortwährend muss das Schweizer Kleinbürgertum sich auf Auslandsreisen vom Training im Fitnesstudio erholen, fortwährend erholt es sich in den europäischen Grossstädten von der samstagvormittaglichen Autowäsche, fortwährend erholt es sich an den westeuropäischen Mittelmeerküsten von dem samstagvormittaglichen Rasenmähen. Die Schweizer sind ein Volk von Samstagvormittagsrasenmähern und ein Volk von Samstagsvormittagsautowäschern und ein Volk von Werktagabendfitnessstudiogehern, dachte ich.

Der Schweizer Kleinbürger geht fortwährend ins Fitnessstudio, es sei denn, er hat sich beim winterlichen Skifahren verletzt. Dann besucht er werkttagabends den Physiotherapeuten. Das Schweizer Kleinbürgertum ist ein in seiner hypochondrischen Dekadenz fortwährend den Physiotherapeuten aufsuchendes, und lässt sich von seinen Physiotherapeuten alles bis ins kleinste und hinterletzte Detail vorgeben. Der Schweizer Kleinbürger läuft, wie es ihm der Physiotherapeut vorschreibt, der Schweizer Kleinbürger legt sich abends hin, wie es ihm der Physiotherapeut anrät, und der Schweizer Kleinbürger steht morgens wieder auf, wie es ihm sein Physiotherapeut empfiehlt. Ohne Physiotherapeut ist der Schweizer Kleinbürger verloren, ohne physiotherapeutisch angeratene Bewegungstherapie kann der Schweizer Kleinbürger nicht mehr existieren. Ganze Generationen von Schweizer Kleinbürgern gehen nur noch den Vorstellungen ihrer Physiotherapeuten entsprechend, und haben dadurch einen widerwärtigen Physiotherapeutengang entwickelt, woran man einen jeden Schweizer Kleinbürger schon von weitem erkennt. Die Physiotherapeuten regieren über die Körper der Schweizer Kleinbürger, und regieren somit also über den Schweizer Volkskörper, besteht doch das Schweizer Volk zum grössten Teil aus Kleinbürgern, und besteht der Schweizer Volkskörper zum grössten Teil aus Schweizer Kleinbürgerkörpern, dachte ich. Der Schweizer Kleinbürger lässt sich von seinem Physiotherapeuten sogar die Diät vorschreiben. Der Schweizer lässt sich in seinen Essgewohnheiten jahraus jahrein beraten, nur um dann zwei- oder dreimaljährlich auf seinem Mittelmeerurlaub oder auf seinem Grossstadturlaub bewusst über die Schnur zu hauen, wobei er glaubt, das vom fortwährenden Rasenmähen und Autowaschen unterdrückte anarchische Element in sich wieder aufleben zu lassen. Natürlich muss dieses weit über die Schnur hauende Essen zunächst auf widerwärtigst-kleinbürgerliche Weise kommentiert und als Kalorienbombe etikettiert werden, nur um dann ein Foto vom angerichteten Teller zu machen, um es dann seinen zuhausegebliebenen Kleinbürgerfreunden zu schicken und darunter zu schreiben: eine Kalorienbombe, worauf die zuhausegebliebenen Kleinbürgerfreunde den beurlaubten Kleinbürgerfreund natürlich postwendend an die anstehenden Fitnesstrainingseinheiten erinnern müssen, denke ich jetzt.

Der pädagogische Verwesungsgeruch war an diesem nebligen Morgen von einer besonders widerwärtigen Abscheulichkeit, sodass es mir beinahe den Magen umdrehte. Ich beschleunigte also meinen Schritt, bis ich zu der dem See entlangführenden Fussgängerbrücke gelangte, an welcher die frische Seeluft den widerwärtigen Pädagogengestank in die Richtung der Hochschule für Soziale Arbeit drängte, wo die pseudowissenschaftlichen Ausdünstungen sonst schon kaum zu ertragen sind. Ich wundere mich immer wieder, wie in einer solchen Luft überhaupt eine Schiffswerft betrieben werden kann. In Frankreich würden die Arbeiter unter einer solchen Geruchsemission und (pädagogischen!) Gestanksbelästigung schon längst streiken, dachte ich nun. Alle glauben, die einfachen Arbeiter könnten auch einem widerwärtigen Gestank ausgesetzt problemlos arbeiten, dabei sind doch gerade die Nasen der einfachen Arbeiter für solche widerwärtigen Ausdünstungen die allerempfindlichsten, denke ich jetzt.

Als ich am Büro angekommen war, erwartete mich der immer pünktliche und meistens sogar überpünktliche Opernkritiker Bitterspacher zu meiner Überraschung noch nicht. Mein an der Pädagogischen Hochschule vorbeiführender Weg, der viel kürzer ist als der am Kultur- und Kongresszentrum vorbeiführende Weg, hat mir einige Minuten eingespart, mich dafür aber mit dem widerwärtigen Pädagogenverwesungsgeruch konfrontiert, was mir jetzt die allergrösste Übelkeit bereitete. Den Weg an der Pädagogischen Hochschule vorbei kann ich immer nur abends ertragen, niemals am Morgen. Zwar stinkt die Pädagogische Hochschule auch bis zum Kultur- und Kongresszentrum herüber, doch erfrischt mich dort wenigstens die kühle Seeluft, besonders am Morgen. Am Abend, wenn wir vom Tag nichts mehr erwarten, können wir naturgemäss an der zum Himmel stinkenden Pädagogischen Hochschule vorbeigehen, am Morgen, wenn wir noch etwas vom Tag erwarten, auf gar keinem Fall, denke ich jetzt.

Meine Reflexion über den von der Pädagogischen Hochschule ausgehenden pädagogischen Verwesungsgeruch (also über den pädagogischen Hochschulverwesungsgeruch!) bereitete mir eine solche Übelkeit, dass ich mit dem Gedanken spielte, mich auf der Toilette zu übergeben. Doch ich entschloss mich dazu, meinen Ekel mit der mir grösstmöglichen Standhaftigkeit auszuhalten, nur schon um Bitterspacher gegenüber keine Schwäche eingestehen zu müssen. Möchten wir einer starken Persönlichkeit gegenübertreten, und Bitterspacher ist eine der stärksten Persönlichkeiten, wollen wir naturgemäss in den Augen dieser starken Persönlichkeit immer als eine ebenfalls möglichst starke Persönlichkeit erscheinen, ja die starke Persönlichkeit noch in ihrer Stärke übertreffen, auch wenn wir in Wahrheit die schwächste, ja die allerschwächstmögliche Person sind. Ich hätte auch gar keine Zeit mehr gehabt, mich von meiner vom pädagogischen Verwesungsgeruch ausgelösten Übelkeit durch Erbrechen zu entledigen, denn in diesem Moment klingelte auch schon Bitterspacher an der Tür, dem ich natürlich in Sekundenschnelle öffnete. Bitterspacher zeigte sich sichtlich von der Tatsache überrascht, dass gerade ich ihm die Türe öffnete, und nicht einer meiner Mitarbeiter. Ich erscheine für gewöhnlich zum spätestmöglichen Zeitpunkt zu den von mir sogenannten Bitterspachertreffen, also dann, wenn meine Mitarbeiter sich bereits seit Stunden im Büro aufhalten und ihrer Tätigkeit nachgehen. Ich erklärte meine verfrühte Anwesenheit, die in Wahrheit eigentlich eine ganz genau pünktliche und also eine für das morgendliche Bitterspachertreffen eine gerade zu ideale war, mit der Tatsache, dass ich die Abkürzung (ich sagte: Abkürzung!) an der Pädagogischen Hochschule vorbei genommen hätte.

Ob es mir denn nicht schlecht geworden sei, fragte mich Bitterspacher, denn ihm werde es immer schlecht, ja ihm werde es naturgemäss immer schlecht, wenn er an der Pädagogischen Hochschule vorbeigehen müsse. Er meide den Weg an der Pädagogischen Hochschule vorbei wann immer nur möglich, denn einem Geistesmenschen sei der Weg an einer solchen scheusslichen Institution entlang ein von Grund auf unmöglicher, ja ein letzten Endes ihm völlig entgegengesetzter, auch wenn er gelegentlich und zufällig doch in die Richtung unseres Zieles führe und uns sogar den Weg zum Bahnhof verkürze, so Bitterspacher. Der Weg am Kultur- und Kongresszentrum vorbei sei ein ihm zwar auch oftmals widerwärtiger, doch gehe er ihn noch wesentlich lieber, als an der Pädagogischen Hochschule vorbeizulaufen. Ein Geistesmensch müsse ja schon leiden, wenn er am Kultur- und Kongresszentrum vorbeigehe, so Bitterspacher, denn was in diesem sogenannten Konzerthaus als Beethoven durchgehe, habe mit Beethoven in Wahrheit genau so wenig zu tun wie die Wissenschaft mit der Pädagogischen Hochschule. In Leipzig könne man ja heutzutage noch einen guten Beethoven hören, aber nicht in Luzern. In Luzern herrsche seit Jahrzehnten ein solch geistesfeindliches Klima, dass in dieser Stadt nur noch der Unsinn gedeihe und die Dummheit regiere. Seit Jahren stelle man die Stadt mit widerwärtigen und scheusslichen Universitäts- und Hochschulbauten voll, nur um darin dem Stumpfsinn unter dem Deckmantel der Wissenschaft ein Zuhause zu geben, so Bitterspacher. Am schlimmsten sei natürlich die sogenannte Pädagogische Hochschule, wo der Stumpfsinn die Esoterik befruchte und die Esoterik dem Stumpfsinn ein Kind gebäre. Die Pädagogische Hochschule ist eine von wollsockentragenden Esoterikerinnen regierte Subventionshölle, wo der Geist zu Tode gefoltert und jungen Menschen der Aberglaube eingetrichtet wird, so Bitterspacher. Die Kirmes sei den Wahrsagerinnen nicht mehr gut genug gewesen, darum hätten die Pädagogischen Hochschulen hergemusst, wo sich die Dummheit noch schneller verbreite als die Syphilis auf dem Zürcher Strassenstrich. Das widerwärtige Subventionsgebettel der pädagogischen Esoteriktanten finde in einem vom Aberglauben durchdrungenen Volk Gehör, worauf das Stimmvieh den selbsternannten PädagogInnen (er sagte tatsächlich PädagogInnen!) einen millionenteuren Kuhfladen hinplumpsen liesse, worauf dann die esoterischen Pädagogentanten ihren subventionierten Unsinn kultivieren könnten, so Bitterspacher.

Früher seien solche Esoterikpädagoginnen noch von der katholischen Kirche verbrannt worden. Heute sei sogar die katholische Kirche zu schwach dafür, die doch jahrhundertelang und jahrtausendelang der grösste Geistesvernichter und Geistesunterdrücker gewesen sei. Die Pädagogische Hochschule habe die katholische Kirche als den grössten Geistesvernichter und Geisteszugrunderichter schon längst abgelöst. Früher schickte man die Kinder noch in die katholische Kirche, um sie zugrunde zu richten, heute schickt man die Kinder zu den Pädagogen zu diesem Zweck, so Bitterspacher. Sei es früher noch die katholische Kirche gewesen, die die Kinder fortwährend vernichtet und zerstört hätte, seien es nun die sogenannten pädagogischen Hochschulen, die die Kinder fortwährend vernichteten und zerstörten. Seien früher noch die Pfaffen die grössten Kindheitsvernichter gewesen, seien heute die Pädagogen die schlimmsten Kindheitsvernichter. An den pädagogischen Hochschulen würden fortwährend neue Pädagogen diplomiert, welche die Pfaffen von früher in ihrer Grausamkeit und Scheusslichkeit noch um Haupteslänge überträfen, so Bitterspacher. Hätten früher die Pfaffen die Kinder ständig zur Beichte gezwungen, peinigten die sogenannten Pädagogen die Kinder heute in jedem Augenblick aufs Scheusslichste. Und alles im Namen der Wissenschaft, ja der Erziehungswissenschaft, die ja überhaupt keine Wissenschaft sei, und die ja zuallerletzt an der zum Himmel stinkenden Pädagogischen Hochschule in Luzern eine Wissenschaft sei, sagte Bitterspacher zu mir. Wir glaubten immer, die katholische Kirche habe den Kindern immer nur Leid zugefügt und also die Kindheit vernichtet und aufs Äusserste zugrunde gerichtet, doch sei die von den sogenannten Pädagogen ausgehende Vernichtung und Zugrunderichtung noch eine wesentlich schlimmere, als sie jemals von der katholischen Kirche hätte ausgehen können. Die katholische Kirche von früher sei schlimm gewesen, die Pädagogen von heute seien aber noch viel schlimmer, so Bitterspacher. Hätten sich die scheinheiligen Pfaffen von früher noch das seidene Mäntelchen der Heiligkeit umgelegt, sei es bei den widerwärtigen Pädagogen (und Pädagoginnen!) von heute das zu schäbig gesponnene und das zu schlamping gewebte und das zu weit geschnittene und das geschmacklos genähte Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit. Fortwährend würde an den pädagogischen Hochschulen von Wissenschaftlichkeit gefaselt, doch werde in Tat und Wahrheit an diesen Kindheitsvernichtungsanstalten und also schliesslich Menschheitsvernichtungsanstalten fortwährend der gefährlichste und der schädlichste Unsinn gepredigt, und dazu auch noch staatlich subventioniert, dass es zum Himmel stinke! Der pädagogische Verwesungsgeruch ist weitgehend der Gestank eines sich fortwährend ausdehnenden Subventionssumpfes. Stinkt die Pädagogische Hochschule zum Himmel, ist es doch letzten Endes immer der Subventionssumpf, der zum Himmel stinkt und die allenthalben von den pädagogischen Hochschulen verseuchten Städte zu uns gänzlich unmöglichen macht, sagte Bitterspacher. Es sei ja schliesslich nicht der Platzmangel, der die Pädagogische Hochschule an allen möglichen und unmöglichen Ecken der Stadt ihre Tore tagtäglich öffnen liesse, damit die angehenden Pädagogen in sie einströmen und der pädagogische Verwesungsgeruch aus ihnen herausströmen könne, nein, die Pädagogische Hochschule sei aus einem perversen Antrieb heraus der von Pädagogen unterwanderten Stadtregierung und aus einem infamen Antrieb heraus des von Pädagogen unterwanderten Stadtparlaments über die ganze Stadt verteilt worden, und somit also aus einem von Grund auf gegen die Stadtbewohner gerichteten Antrieb heraus über die ganze Stadt verteilt worden, so Bitterspacher. Unsere Regierungen und Parlamente seien ja letzten Endes nichts Weiteres als vom Wähler in ihre hochsubventionierten Ämter gehobene Pädagogen, die fortwährend glaubten, das Volk erziehen und ständig belehren zu müssen, sagte Bitterspacher noch unter dem Türrahmen stehend zu mir, worauf ich schnellen Schrittes zur Toilette rannte, um mich, schreibt Gneisberger, dort zu übergeben.

Zweiter Teil. Bitterspachers Monolog

Nachdem ich mich, schreibt Gneisberger, auf der Toilette übergeben und mir den Mund gespült hatte, um den ekligen Geschmack des Erbrochenen loszuwerden, ging ich zurück in die Küche, wo immer noch der stadtbekannte Opernkritiker (und Querulant!) Bitterspacher wartete. Hören Sie, Gneisberger, sprach Bitterspacher, meine morgendliche Analyse der gegenwärtigen Stadtverhältnisse hat Ihnen wohl auf den Magen geschlagen, das bedaure ich. Ich wollte Ihnen nicht noch mehr Übelkeit bereiten, als es unbedingt angebracht ist. Andererseits ist doch die von Ihnen gerade durchlittene Übelkeit eine den hiesigen Stadtverhältnissen durchaus entsprechende. Sie sind noch nicht so gegen die kopflosen Luzerner Stadtverhältnisse abgestumpft, wie ich es bin, mein lieber Gneisberger. Naturgemäss ist die von mir tagtäglich durchlittene Übelkeit in dieser Stadt, also meine tagtägliche Luzernerstadtübelkeit, die allergrösste. Übergeben muss ich mich davon aber schon lange nicht mehr. Wenn ich mir schon von dieser widerwärtigen Stadt tagtäglich den Kopf verderben lassen muss, will ich mir von ihr nicht auch noch den Magen verderben lassen müssen. Ich möchte mich mit Ihnen auch nicht über Körperfunktionen unterhalten, Gneisberger, dazu ist mir meine Zeit und die Ihrige zu schade. Man unterhält sich in dieser widerwärtigen Stadt schon genug über Körperfunktionen, wie überhaupt sich die meisten Gespräche nur um Körperliches drehen, das ist die Wahrheit, Gneisberger. Über Geistesgegenstände unterhält sich heute niemand mehr. Einen Körper hat jeder, über einen nennenswerten Geist verfügt kaum jemand. Es geht nur noch um Gesundheit, Gebrechen, Ernährung, Schlaf, Äusserlichkeiten, Sport, Gerüche, Ausscheidungen, Triebe usw. Könnten Tiere reden, würden sie sich an solchen Gesprächen beteiligen, davon bin ich überzeugt, mein lieber Gneisberger! Es wird immer der äusserste Wert darauf gelegt, was man sich in den Mund steckt oder sich auf die Haut schmiert. Was in die Köpfe eindringt, Gneisberger, scheint dagegen unwichtig. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass Leute, die sehr grossen, ja den grössten Wert auf die Ernährung legen, sich kaum oder überhaupt nicht um ihre geistige Nahrung kümmern. Das Körperliche dreht sich um den Betrieb, Gneisberger, im Geistigen geht es um Konzentration, verstehen Sie? Betrieb ist der Todfeind der Konzentration. Konzentration ist nur möglich, wenn kein Betrieb herrscht: nicht um uns herum und nicht in uns drin! Doch der Betrieb beherrscht heutzutage alles, gerade in dieser widerwärtigen Stadt. Die Literatur ist nur noch ein Literaturbetrieb. Die Universität ist nur ein Universitätsbetrieb, und alles Akademische ist nur noch ein akademischer Betrieb. Die Oper? Nur noch ein Opernbetrieb! Die Kunst? Der reinste Kunstbetrieb! Diese Stadt? Ein Stadtbetrieb! Die Politiker betreiben keine Politik mehr, sondern bloss noch einen politischen Betrieb. Die Zeitungen sind keine wirklichen und tatsächlichen Zeitungen mehr, Gneisberger, sondern führen höchstens noch einen Zeitungsbetrieb auf an jedem Tag. Es geht darum, wie viel veröffentlich wird, nicht, ob diese Veröffentlichungen die Leute aufklären oder die Wissenschaften (und Pseudowissenschaften!) weiterbringen. Es geht darum, möglichst viel auszuscheiden ohne sich zuvor viel einverleiben zu müssen, Gneisberger.

Das Widerlichste, mein lieber Gneisberger, sind mir naturgemäss Personenansammlungen. Selbst wenn eine solche Personenansammlung aus Leuten besteht, die mir lieb sind. Die Ansammlung macht selbst aus der geistreichsten Personen eine Ansammlungsperson, also eine Durchschnittsperson. Tritt eine Person in eine Ansammlung, wird sie sofort den anderen Personen in dieser Ansammlung gleich gemacht, auf den Durchschnitt der Ansammlung reduziert. Daher kommt es, mein lieber Gneisberger, dass bei jeder grösseren Tischgesellschaft das Gespräch früher oder später auf das Wetter oder auf etwas rein Körperliches gelenkt wird, auch wenn sich – zumindest in einer Gesellschaft aus Geistesmenschen – niemand über solche Themen unterhalten möchte. Personenansammlungen sollten von Geistesmenschen gemieden werden, da in einem solchen Kreis keine Konzentration möglich ist. Die in einer Personenansammlung verbrachte Zeit ist für einen Geistesmenschen vergeudete Lebenszeit! Er würde sich die Zeit besser mit einem Spaziergang oder mit Schlaf vertreiben. Natürlich, mein lieber Gneisberger, bestehen die meisten Personenansammlungen nicht aus Geistesmenschen, da es von ihnen nur sehr wenige gibt, gerade in dieser scheusslichen Stadt, wo der Geistesmensch vom Aussterben bedroht ist. Die meisten Menschen sind Philister, Luzern ist eine Philisterstadt! Gesellt sich ein Geistesmensch zu einer Ansammlung von Philistern, ist er zum Schweigen verurteilt. Gesellt sich ein Geistesmensch zu einer Ansammlung, die aus Philistern und einem Geistesmenschen besteht, wird die Gesellschaft dabei entzwei geschlagen, indem der eine Geistesmensch den anderen vom Gespräch der Philister abtrennt und ihn völlig für sich vereinnahmt. Ich habe auf diese Weise schon viele fröhliche Tischgesellschaften zerstört, mein lieber Gneisberger. Ist diese Vereinnahmung und Abspaltung nicht möglich, etwa aufgrund einer ungünstigen Sitzkonstellation, wie ich sie schon allzuoft antreffen musste, bleibt den beiden Geistesmenschen nur noch das Augenrollen als gemeinsamer Ausdruck ihres peinlichen Berührtseins übrig. Ein Geistesmensch sollte sämtliche Personenansammlungen meiden, die neben ihm noch andere Personen als nur einen Geistesmenschen umfassen. Andere Gesellschaften sind ihm unerträglich, bringen ihn in Rage und erhöhen seinen Blutdruck aufs Gefährlichste. Kein Geistesmensch sollte sich dieser Qual aussetzen, doch jeder Geistesmensch sieht sich ihr tagtäglich ausgesetzt, um sich sein sogenanntes Brot zu verdienen. Die schlimmste Konstellation für einen Geistesmenschen ist es naturgemäss, wenn er unter philiströsen Vorgesetzten arbeiten muss. Das ist fast immer der Fall, Gneisberger, die meisten Vorgesetzten sind doch Philister. Wie halten Sie es überhaupt in einem Büro aus, Gneisberger? Ich bin an solchen Anstellungsverhältnissen bisher immer in der kürzesten Zeit gescheitert.

Insgesamt herrscht an den Arbeitsplätzen, besonders an den sogenannten Büroarbeitsplätzen, nur noch ein Arbeitsbetrieb. Es wird an ihnen gar keine wirkliche und tatsächliche Arbeit mehr geleistet, nur noch Scheinarbeit. Konzentration ist an ihnen nicht möglich, da jeder Gedankengang in der kürzesten Zeit von einem Vorgesetzten oder von einem Mitarbeiter (oder von einem Mitarbeitenden, wie man neuerdings an den Pädagogischen Hochschulen sagt!), durch eine hirnverbrannte und hanebüchene Idee zerstört und vernichtet werden muss. Ist die Beschränktheit im Auffassungsvermögen seiner Kollegen (seiner Mitarbeitenden!) oft schon unerträglich, gibt ihm das schiere geistige Unvermögen derselben noch den Rest. Nach einem Büroarbeitstag ist der Tag zerstört, vernichtet! Ein geistig fähiger Büroangestellter, wie sie das sind, mein lieber Gneisberger, sollte sich nach einem Büroarbeitstag nichts mehr vornehmen. Konzentration ist abends nicht mehr möglich, da sie Ihnen tagtäglich während acht, neun oder zehn Stunden verunmöglicht wird, systematisch! Es ist eine Perversität, mein lieber Gneisberger. Möchte ein geistig fähiger Büroangestellter etwas leisten, muss dies in den sogenannten Ferien, am Wochenende oder am Morgen vor der Arbeit getan werden. Das Schlimmste am Büroarbeitstag eines Geistesmenschen ist naturgemäss die Zeit, zu welcher sich die Mitarbeiter (die Mitarbeitenden!) im Büro einfinden. Hat er den Arbeitsweg überstanden und sich im Büro eingefunden zum aussichtslosen Zweck, an diesem doch noch jungen Tag tatsächlich etwas zu leisten, wird ihm der Tag schon bald von den zahlreich ankommenden Mitarbeitern zu einem gänzlich unerträglichen gemacht. Die sogenannten Arbeitskollegen begrüssen sich lautstark im Eingangsbereich, tauschen Banalitäten aus, etwa über das jüngst im oftmals als Wohlfühloase bezeichneten Schwarzwald verbrachte Wochenende und wie man an diesem die Durchschnittsseele hat baumeln lassen: unreflektierte und zumeist lächerliche Eindrücke. Die Lautstärke der geschilderten Banalitäten hält sich mit der Dümmlichkeit des Gesprochenen die Waage, was meist von einem schneidenden Geräuschteppich des hohlen und stumpfen Gelächters getragen wird. Wie überhaupt das ständige Lachen und Grinsen nur eine Äusserung der eigenen Kopflosigkeit ist, zumal dieses Lachen zumeist affektiert ist, wie jedes Verhalten in einem Büro nur ein affektiertes Verhalten und also nur ein Gehabe, kein wirkliches Verhalten ist.

Haben Sie schon gemerkt, Gneisberger, dass die Büroluft oftmals so trocken und abgestanden ist wie der Geist und der Humor mancher Arbeitskollegen, sofern diese denn überhaupt über einen nennenswerten Geist oder einen nennenswerten Humor verfügen? Die meisten Büroangestellten sind auf einer Geistesstufe und auf einer Humorstufe stecken geblieben, wie sie sonst an Kindergeburtstagen oder an den Pädagogischen Hochschulen anzutreffen ist. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, womit sich solche Leute überhaubt in ihrer Freizeit beschäftigen: Das Abfotografieren von Scheusslichkeiten, Reisen an widerwärtige sogenannte Traumdestinationen, Sportveranstaltungen, technische Spielereien aller Art, Einrichtung und Gestaltung des Eigenheims (mit Wintergarten!), Kinobesuche, das Bewirten widerwärtiger Gäste, das Lesen abgeschmackter Bücher und Zeitschriften, Fitnessstudiogänge, sich in einer sogenannten Wellnesoase verwöhnen lassen, usw., usw., es ist zum Kotzen! Ist das ständige Geschwätz der Durchschnittsseele Zeugnis ihrer mentalen Inkontinenz, verweist ihr ständiger Fotografiertrieb auf ihre innere Leere, die mit Bildern ausgestopft werden muss, wie man einen abgeschossenen Geier mit Zellstoff ausstopft. Wie jeder noch so nichtige Geisteseindruck sofort wiedergegeben werden muss, muss jeder noch so nichtige optische Sinneseindruck sofort festgehalten werden. Wird einem solchen Schwachkopf ein Teller dargereicht, muss er denselben sogleich mit seiner sündhaft teuren Kamera fotografieren. Trifft er auf einen ähnlichen Ungeist wie sich selbst, fotografieren sie sich gegenseitig die Fratze. Würde man sämtliche digital angefertigten Fotografien zu Papier bringen und über den Erdball verteilen, ergäbe das einen dicken Teppich aus Stumpfsinn und Scheusslichkeit. Wer sich nicht in Worte fassen kann, fotografiert halt, so einfach ist das, mein lieber Gneisberger. Wer keine Phantasie hat, braucht Bilder. Wer über keinen Formwillen verfügt, stellt Dekorationsgegenstände in einen Raum und hängt sich in einem perversen Anfall von Sentimentalität Urlaubserinnerungen an die Wand, welche die Durchschnittsseele bald an sogenannte bessere Zeiten erinnern. Als ob die Durchschnittsseele je schon bessere Zeiten erlebt hätte als diese unsere Zeit, Gneisberger! Unsere Zeit ist doch die für die Durchschnittsseele und ihre geistlosen Kopfverhältnisse geradezu ideale Zeit!

Wer in einer solchen Umgebung über einen nennenswerten Geist verfügt, muss darin krank werden und schliesslich jämmerlich zu Grunde gehen, Gneisberger. Die Masse an Stumpfheit und Ungeist sind in der Lage, jeden Geistesmenschen früher oder später erdrücken zu können, so scharf auch seine geistigen Fähigkeiten sind, und so sehr er sich auch diesem Erdrücken entgegensetzt. Er wird vergrault, in die Ecke gedrängt, darin erdrückt, erniedrigt, und am Ende völlig zu Grunde gerichtet, vernichtet, und schliesslich zerstört! Ein Geist kann an einem solchen Ort nicht existieren, das ist meine Überzeugung, Gneisberger, sprach Bitterspacher zu mir, worauf ich wieder zur Toilette rannte, um mich dort, schreibt Gneisberger, erneut zu übergeben.