Frank Schirrmachers «Ego. Das Spiel des Lebens»
Buchbesprechung am und im Kamin
Frank Schirrmacher, der Feuilletonkleindenker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der fälschlicherweise oft als Vordenker bezeichnet wird, aber höchstens ein Nachdenker und Schwachdenker ist, hat einen Bestseller geschrieben. Damit wäre alles gesagt, denke ich, das brennende Schirrmacherbuch in meinem Kamin betrachtend. Das Buch habe ich nicht durchgelesen, naturgemäss nicht durchgelesen, denke ich, denn ein solches Unterfangen muss von jedem vernunftbegabten Leser nach den allerersten Sätzen aufgegeben oder sollte erst gar nicht in Angriff genommen werden, da selbst die geringste Dosis des Schirrmachertextbreis den verheerendsten Einfluss auf jeden denkfähigen Geist haben muss.
Schirrmacher hält sich für den philosophischen Feldherrn, der ausgezogen ist, um das Schlachtfeld der Ökonomie und Verhaltenspsychologie zu erobern und um die Deutungshoheit des Weltgeschehens an sich zu reissen, ist aber höchstens der mit stumpfem Säbel rasselnde Stallbursche des publizistischen Generalstabs, der sich mit seinen Tintenknechten im Mist des Generalgestüts wälzt und im Morast der denkerischen Heimatfront stecken bleibt, wo das Feuilleton in seiner geistlosen Kriegsberichterstattung die Heldentaten seines neuen Simplicissimus feiert.
Gerne verwendet Schirrmacher das Wort Computerisierung und das Wort Algorithmus oder schreibt etwas vom Kalten Krieg. Am liebsten aber schreibt er das Wort Kapitalismus, auch wenn er nicht weiss, was es bedeutet. Das macht aber nichts, denkt sich Frank Schirrmacher, und schreibt das Wort Kapitalismus umso häufiger, denn wenn man es in unverständliche Sätze einpackt, die jedem Lektor sofort die Vorzüge einer Berufslaufbahn als Kanalreiniger in Bangladesch vor Augen führen müssten, also Sätze, in denen das Wort Spieltheorie (das Schirrmacher nicht versteht), das Wort Verhaltenspsychologie (das Schirrmacher genau so wenig versteht) und das Wort Informationsökonomie (das Schirrmacher noch viel weniger versteht) auftauchen, wird es dem Leser schon nicht auffallen.
Frank Schirrmacher zeigt sich gerne in den selbsternannten Philosophiesendungen der deutschsprachigen durch Zwangssubventionen am weiter dahinvegetieren gehaltenen Staatsfernsehsender, die ich mir aufgrund ihrer Sendezeit höchstens als Alternativprogramm zum Autowaschen und Rasenmähen eines kleinbürgerlichen Reihenhausabschnittsbesitzers mit angebautem Wintergarten vorstellen kann. Dort mimt Schirrmacher dem staunenden Zuschauer den geläuterten Kapitalisten und analysiert vor dem als Beichtvater posierenden Moderator in duckmäuserischer Schuljungenhaltung die sogenannte Finanzkrise, indem er sich zur Publikumseinschleimung oft der Wörter Banker und Gier bedient. Moderator schaut dazu gewichtig in die Kamera (im Falle Roger de Wecks in die Kamera und zu Schirrmacher zugleich), nickt, fasst sich mit gespreiztem Zeigefinger und Daumen ans Kinn, stellt den Kopf schief, stellt den Kopf wieder gerade, richtet sich im sündhaft teuren, da durch Gebührengelder finanzierten Designerstuhl auf, fasst sich nun mit der anderen Hand ans Kinn, hebt die eine Augenbraue, hebt beide Augenbrauen, und das eine ganze Stunde lang!
Immer denken wir, wir werden uns das nächste in der Presse angepriesene und das nächste sich für Wochen an der Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste festsetzende Buch nicht kaufen, kaufen es aber in einem Moment der äussersten Schwäche und Beherrschungslosigkeit dann doch. Darum müssen wir uns bei jedem Wohnsitzwechsel die Frage stellen, ob man den ganzen angesammelten Unrat dem Sperrmüll anvertrauen, oder bei der Wohnungssuche nicht das Vorhandensein eines Kamins als zwingendes Kriterium festlegen sollte. Dieses Mal habe ich mich zwar wieder in einem Moment der äussersten Schwäche und Beherrschungslosigkeit für das Schirrmacherbuch, gleichermassen aber in einem Moment der äussersten Stärke und Beherrschtheit für eine Wohnung mit Kamin entschieden, womit sich das hier besprochene Thema nun auch erledigt hätte, denke ich, die herumwirbelnde Schirrmacherbuchasche in meinem Kamin betrachtend.
Nachtrag zum Tode Frank Schirrmachers
Schirrmacher war kein früher Mahner, höchstens ein später Nachdenker, der Woche für Woche in der sogenannten Blogosphäre herumrührte und einen faden und abgestandenen Aufguss davon als publizistischer Suppenkaspar portienenweise in seiner intellektuellen Gassenküche darreichte, an welchem sich die Leute solange haben den Magen verderben lassen, bis sie Schirrmachers geistige Resteverwertung schliesslich für eine hohe schamanische Kochkunst hielten. Der Tod macht aus einem Durchschnittsgeist kein Genie und aus einem Schirrmacher keinen Vordenker. Daran kann auch ein Nachruf nichts ändern, und ein Nachruf des NZZ-Feuilletonchefs Martin Meyer zuallerletzt, denke ich.