Geburtstag
Ein apollinisches Fest
In seinem frühen Werk Die Geburt der Tragödie (aus dem Geiste der Musik) unterscheidet Friedrich Nietzsche zwischen zwei Momenten der griechischen Tragödie: Dem Apollinischen und dem Dionysischen. Das Apollinische, durch den Gott Apollo repräsentiert, umfasst die bildende Kunst: Gemälde, Skulpturen, Architektur – alles, was Bewegung in etwas festes bannt. Die dionysischen Künste hingegen, repräsentiert durch den Gott Bacchus Dionysos, sind lebendig: Gesang, Theater, Tanz. Das dynamische bleibt in Bewegung. Das Apollinische konserviert, das Dionysische erneuert. Der frühe Nietzsche, ein Anhänger Schopenhauers, führt das menschliche Handeln – dionysisches wie apollinisches – auf einen Willen zum Leben zurück. Doch wie können zwei so gegensätzliche Momente wie das Apollinische und das Dionysische aus dem gleichen Trieb heraus entstehen?
Nietzsches löst diesen Widerspruch auf, indem er darauf hinweist, dass der Wille zum Leben zu unterschiedlichen Zeiten – und also: zu unterschiedlichen Existenzbedingungen – unterschiedlich Ausdruck fand. In Zeiten des Chaos wirkt das Apollinische ordnend und lebenserhaltend. In Zeiten der Ordnung bewahrt das Dionysische das Leben vor der Erstarrung. Die griechische Tragödie, welche dem apollinischen, zu erstarren drohenden Athen Dionysisches vor Augen führte, wirkte lebenserhaltend.
Nietzsche sieht in diesen Handlungsweisen die Quelle der Moral. Diese ist nicht beständig, sondern an bestimmte Lebensumstände gebunden. Unsere abendländische Moral – dazu gehören die 10 Gebote – entstand zu einer Zeit, als das verfolgte jüdische Volk die Wüste durchwanderte. Du sollst nicht töten, weil jeder Verlust das Volk schwächt. Du sollst nicht stehlen, nicht lügen, nicht begehren, nicht die Ehe brechen, dir kein eigenes Bild von Gott machen, da dieses Handeln unter dem Volk Zwietracht säht und es schwächt. Doch wer empört sich heute noch, wenn jemand am Sonntag arbeitet? Oder sich der Nachbar eine Buddha-Statue in den Garten stellt oder einen Ganesh oder Shiva? Über Ehebruch empören sich zwar immer noch andere Leute als die direkt betroffenen, strafrechtlich wird er aber nicht mehr verfolgt. Begehren, was ein Nächster besitzt, ist beinahe zu einem Ideal geworden und wird oft als Ehrgeiz bezeichnet. Nur stehlen, töten und lügen (unter Eid) sind heute noch per Gesetz verboten. «Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.» liest sich heute als Zeugnis religiöser Intoleranz. Wer diesem Gebot zu stark nacheifert, läuft Gefahr, selber von den Gesetzeshütern verfolgt zu werden.
Wie die Moral gehen auch die Sitten und Bräuche auf bestimmte Lebensbedingungen zurück. Es wäre interessant zu untersuchen, seit wann die Menschen ihren Geburtstag feiern. Im Mittelalter, als die Kindersterblichkeit hoch und die Lebenserwartung tief, die Hygiene und die Nahrungsversorgung schlecht war, wäre der Geburtstag tatsächlich ein Anlass zum feiern gewesen. Man hat wieder ein Jahr überlebt und allen Widrigkeiten getrotzt. Die Wahrscheinlichkeit den nächsten Geburtstag nicht mehr zu erleben war auch in jungen Jahren hoch. Das Feiern des Geburtstages war etwas Lebensbejahendes: feiern wir, solange wir noch können! Heute, da die Kindersterblichkeit im Westen gegen null tendiert und die Lebenserwartung so hoch ist wie noch nie, gilt es für die meisten Leute 70, 80 oder noch mehr Geburtstage zu bestreiten. Die Wahrscheinlichkeit den nächsten Geburtstag nicht mehr zu erleben ist in den ersten zwei Lebensdritteln vernachlässigbar. Wer seinen 50. Geburtstag feiert, rechnet fest damit, auch den 51. feiern zu werden. Das Abfeiern von Geburtstagen ist nicht mehr ein lebensbejahendes Fest, sondern ein lebensverneinendes Pflichtprogramm geworden.
Lange Zeit hatten Namenstage einen höheren Stellenwert als Geburtstage. Man feierte eben einmal im Jahr, immer an einem bestimmten Tag. Ob nun seit der eigenen Geburt oder dem Martyrium irgend eines obskuren Heiligen die Erde gleich zur Sonne stand – und wie oft sie es seither getan hat – ist nicht von Belang. Wer feiern will, Zeit, Geld und Freunde dazu hat, der soll feiern! Einen Anlass an einem bestimmten Tag im Jahr braucht es dazu nicht. Und schon gar keinen Geburtstag. Wir sollten dieses alljährliche, apollinische Geburtstagsfest vergessen und uns stattdessen dionysisch berauschen, wann immer es uns danach ist.