Die KI-Blase und die Sinnfrage
In der Hoffnung auf eine kognitive Wende
Meine bewusste Entscheidung, keine KI-Werkzeuge zu verwenden, lässt mich verschiedene Beobachtungen machen. Das Schreiben fällt mir beispielsweise immer noch leicht, während viele meiner Mitmenschen mittlerweile die grösste Mühe selbst im Verfassen kleinster Texte bekunden. Die Aufmerksamkeitsspanne und Frustrationstoleranz meiner Schüler hat weiterhin gelitten, wobei auch Apps wie Instagram und TikTok einen grossen Einfluss haben dürften.
Als noch erstaunlicher empfinde ich aber die Entwicklung bei den Berufsschullehrern. Wenig überraschend verwendet ein grosser Teil meiner Kollegen KI-Werkzeuge für die Vor- und Nachbereichtung des Unterrichts. Die Sinnfrage stellen sich aber neben mir offenbar nur wenige, denn Handlungsbedarf im Sinne einer Neuorientierung des Unterrichts wird kaum geäussert, während ich mich mittlerweile frage, wie man diesen Beruf noch ruhigen Gewissens ausüben kann, zumal in der Institution Berufsschule kaum noch etwas gelernt wird – zumindest was Büroberufe wie den Informatiker betrifft.
Betrachten wir den Berufsschulunterricht aus der Perspektive eines KI-Enthusiasten. Die Unterlagen (wenn denn überhaupt noch welche an die Schüler abgegeben werden) sind entweder vom Vorgänger übernommen oder KI-generiert. Der Unterricht findet dann im Modus des selbstorganisierten Lernens statt, d.h. der Lehrer erteilt einen Auftrag, und die Schüler bearbeiten ihn. In der Praxis läuft dies darauf hinaus, dass die Aufgabenstellung als Prompt für ChatGPT dient. Die Antwort des Chatbots wird dann herauskopiert und als Arbeitsergebnis eingereicht.
Nun fällt es einem natürlich sofort auf, dass die Antworten in diesem Umfang und in dieser Qualität (formell makellos, inhaltlich von akzeptabel bis haarsträubend) niemals von den Schülern selber stammen. Die Arbeitsergebnisse sind ohne jegliche kognitive Anstrengung entstanden. Der Umfang der Ergebnisse ist auch zu gross, dass man allen Schülern eine qualifizierte Rückmeldung darauf erteilen könnte, zumal jede Woche vergleichbare Aufträge bearbeitet werden, und man je nach Pensum 50 bis 200 Schüler betreut.
Nun könnte man sich, wie ich das mache, die Sinnfrage stellen: Müsste der Unterricht nicht ganz anders aufgebaut werden, damit tatsächlich noch eine kognitive Leistung erbracht, vulgo: etwas gelernt wird? Diese Frage beschäftigt mich nun schon seit über zwei Schuljahren. Meine Beantwortungsversuche befriedigen mich dabei nur teilweise: So muss man beim Konfigurieren von Systemen und beim Testen von Software immer noch selber Hand anlegen, doch beim Programmieren kann ich nur darauf hoffen, dass mein Übungsgebot bzw. KI-Verbot befolgt wird – geübt wird sonst nicht mehr.
Doch wie gehen die anderen Lehrer damit um? Einige machen sich die Mühe, recht esoterische Setups auszuarbeiten, über die ein LLM kaum etwas nützliches sagen kann. Dies ist jedoch nur möglich, wenn mit einem geschlossenen System interagiert wird. Sobald Quellcode oder umfassende Kontextinformationen zur Verfügung stehen, kann ein LLM seine volle Wirkung entfalten ‒ und die inhaltliche Auseinandersetzung der Schüler mit dem Thema praktisch eliminieren.
Eine von mir zumindest in der Informatik als signifikant wahrgenommene Lehrergruppe geht jedoch einen ganz anderen Weg: Die Arbeitsergebnisse werden mithilfe eines KI-Werkzeugs bewertet. Da weder bei der Ausarbeitung noch bei der Bearbeitung des Auftrags eine signifikante kognitive Leistung erbracht worden ist, kann man doch einfach konsequent sein und auch bei der Bewertung den Weg des kleinsten Widerstands gehen.
Dies hat nun zweierlei Konsequenzen: Zum einen dürfte die Bewertung davon abhängig sein, welche KI-Werkzeuge zum Einsatz kommen. Stammen Auftrag und Antwort aus dem selben Modell, dürfte dieses Modell auch das Ergebnis entsprechend hoch bewerten. Das LLM könnte geradesogut mit sich selber kommunizieren, oder besser: gar nicht verwendet werden. Es handelt sich um ein Nullsummenspiel, wobei nur logistische Arbeiten verrichtet – und noch einige Tokens verbrannt werden: die reinste Energieverschwendung.
Entlarvt diese erste Konsequenz die Sinnlosigkeit des Unterfangens, schützt uns die zweite vor der Sinnfrage: Wer sich gar nicht mehr der Tatsache bewusst werden muss, dass die Arbeitsergebnisse KI-generiert sind, spürt nichts weiter als einen scheinbaren Effizienzzuwachs: Die Aufträge sind schneller ausgearbeitet und bewertet. Auch die Ergebnisse sind besser; die Noten steigen, während die von Schülern geäusserte Unzufriedenheit abnimmt. Auch die Konflikte werden weniger.
Im Gulag soll man den Willen der Gefangenen damit gebrochen haben, dass man sie Steinhaufen hin- und hertragen liess. Wer schon einmal eine grosse Menge KI-generierten Texts in der Erwartung einer Beantwortung, Bewertung oder Stellungnahme vorgesetzt bekommen hat, dürfte den psychologischen Mechanismus hinter dieser Gulag-Beschäftigungsmassnahme intuitiv verstehen können. So kann man sich entweder der Sinnlosigkeit des Unterfangens bewusst werden ‒ oder das Vorgesetzte von einem passenden Werkzeugs verarbeiten lassen. Im Gulag dürfte das Vorhandenseins eines Krans wohl die körperliche Anstrengung gemindert haben, die psychische jedoch nicht, zumal die zu bewegenden Steinhaufen aufgrund der Effizienzverbesserung nur grösser geworden wären.
Die KI-gestützte Bewertung der Arbeitsergebnisse ist, wie bereits deren Ausarbeitung, eine grösstenteils logistische Aufgabe: Egal ob ein halbes oder zwei dutzend Texte herumkopiert werden müssen, die Arbeit ist sehr repetitiv. Auch das manuelle Bewerten beinhaltet solche logistischen Arbeitsschritte, doch gehen diese anteilsmässig unter dem wesentlich grösseren Bewertungsaufwand unter: die kognitive Anstrengung lässt die logistische als vernachlässigbar erscheinen. Wer von einer anstrengenden Bergwanderung nach Hause kommt, dürfte wohl die Treppe und nicht den Lift wählen, um in seine Wohnung im dritten Stock zu gelangen.
Müsste diese inhaltliche Aushölung der Lehrertätigkeit zugunsten rein logistischer Handlungen einen nicht am Sinn dieses sich neu abzeichnenden Berufsbildes zweifeln lassen? Nicht, wenn man die Befriedigung der Tätigkeit – nebst ordentlicher Entlöhnung – aus dem effizienten Abarbeiten von Aufgaben und nicht aus der inhaltlichen Auseinandersetzung mit seinem Unterrichtsfach schöpft. Der gleiche Mechanismus dürfte wohl auch auf Schülerseite greifen: Es geht nicht ums Machen, sondern ums Gemachthaben. Das Ergebnis ist da! Oder handlungskompetenzorientiert gesprochen: Die Handlung ist vollzogen worden!
Dass dabei nichts Inhaltliches gelernt worden ist und auch keinerlei kognitive Anstrengung mit dem dabei einhergehenden geistigen Wachstum stattgefunden hat, scheint diesem System egal zu sein. Solange genügend Tokens vorrätig und die Tasten [Ctrl], [C] und [V] funktionstüchtig sind, wird Handlungskompetenz an den Tag gelegt. Dass die Kompetenz nur noch in den Maschinen steckt und uns dadurch entschwinden wird, ist da nicht weiter von Belang.
Neulich habe ich im Lehrerzimmer beiläufig erfahren, dass von kaufmännischen Angestellten nicht mehr erwartet wird, einen Geschäftsbrief ohne Zuhilfenahme von KI-Werkzeugen schreiben zu können. Lehrplan 21 und Digitalisierung haben den Weg geebnet, KI hat ihn nun vollends unterspült: Vor lauter Kompetenzen sind uns die grundlegendsten Fähigkeiten abhanden gekommen. Mit dem Berufsbild dürfte sich wohl auch bald die Berufsbezeichnung ändern: ich schlage kaufmännischer Unbeschäftigter vor, denn darauf wird es hinauslaufen, wenn sich die attestierte Handlungskompetenz nur im Zusammenspiel mit einem KI-Abo unter Beweis stellen lässt: prompten kann man auch selber, ohne jemanden dafür anstellen und bezahlen zu müssen.
Aus meiner Sicht bleibt dem Bildungssystem nur ein Ausweg: die kognitive Wende! Unterrichtseinheiten müssen nicht mehr anhand ihrer Ergebnisse, sondern entlang der dabei trainierten kognitiven Fähigkeiten ausgestaltet werden. Das Modell müsste der immer stärker marginalisierte Sportunterricht sein: Das Setup ist künstlich und nicht auf Ergebniseffizienz ausgelegt, sondern auf dem Einüben bestimmter Handlungen: Das Lauftraining findet weiterhin ohne Elektroroller, der Orientierungslauf immer noch ohne GPS statt. Nun müssten die Anstrengungen im übrigen Unterricht vielmehr geistiger als körperlicher Natur sein.
Der Inhalt wird zu einem Vehikel um bestimmte kognitive Funktionen zu trainieren: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Konzentration, usw. Dabei wird auf den ersten Blick klar, dass die meisten Werkzeuge nur einen schädlichen, da vereinfachenden und somit reduzierenden Einfluss auf den Lerneffekt haben. Man stelle sich vor, dass nur noch ein Fähigkeitszeugnis erhält, wer sich stundenlang auf eine Tätigkeit konzentrieren und dabei jeglicher Ablenkung widerstehen kann. Die arbeitsplatzspezifischen Fähigkeiten könnten sich solche Absolventen in kürzester Zeit aneignen, und die Produktivität und Zufriedenheit würde dabei erst noch steigen.
Bestehende Unterrichtssequenzen könnten dabei durchaus wiederverwendet werden, sofern diese bestimmte kognitive Funktionen erfordern und trainieren. Das konzentrierte Arbeiten am geistigen Limit hat zudem etwas unglaublich Befriedigendes – was einer Generation, die Expermimente wie Lehrplan 21, Social Media, Social Distancing, TikTok und ChatGPT über sich hat ergehen lassen müssen, leider völlig abgeht. Die Leistungen würden dadurch stärker von der naturgegebenen und individuellen Veranlagung jedes Schülers abhängig werden – und nicht mehr von der Investition in das passende KI-Abo.
Dass es in unserem Bildungssystem zu keiner solchen kognitiven Wende kommen wird, ist mir durchaus bewusst. Eine Gesellschaft, in der das Wort Anstrengung negativ konnotiert ist, will sich so etwas nicht antun. Auch lässt sich damit kein Geld verdienen, schon gar nicht im Silicon Valley, das heutzutage als der Massstab schlechthin gilt – gerade in einem zum Götzendienst der Digitalisierung verkommenen Bildungs(un)wesen.
So werde ich mich damit begnügen müssen, meine handlungskompetenzorientierten Lernziele an den dabei zu erbringenden kognitiven Leistung neu auszurichten. Immerhin ist das Ausüben einer kognitiven Tätigkeit eine Handlung, auch wenn dies die Theoretiker vom Lehrplan 21 bestreiten mögen.