Konzentration
Der Ursprung allen Übels
Je länger ich mich mit allen möglichen Problemen befasse, desto öfters komme ich zum Schluss, dass mangelnde Konzentration der Ursprung allen Übels ist. Das Schulsystem ist kaputt, weil in den Klassenzimmern nicht mehr konzentriert gelernt, sondern die Zerstreuung unter dem Decknamen der «Gruppenarbeit» zelebriert wird. An den Arbeitsplätzen scheitern Vorhaben, weil die Angestellten nicht uneingeschränkt konzentriert an ihnen arbeiten können, sondern sich bei allzuvielen Vorhaben verzetteln. Das Unbefriedigende im Umgang mit anderen Menschen ist die fehlende Konzentration auf das Gegenüber. Ständig wird einem dreingeredet und sprunghaft das Thema gewechselt, weil sich Leute nicht beherrschen können. Mangelnde Beherrschungsfähigkeit ist Ausdruck der Konzentrationslosigkeit schlechthin! Technische Einrichtungen gehen oftmals daran zu Grunde, dass sie derart kompliziert konzipiert sind, dass sie schon bald niemand mehr versteht. Einfachheit ist Konzentration auf das Wesentliche, Komplexität ist Verzettelung im Unwichtigen. Auf Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen stösst man oftmals mit Leuten zusammen, die ihren Blick nicht in den Raum und auf die Passanten richten, sondern mit auf ihr Smartphone gesenktem Blick durch die Gegend schleichen. Viele Autounfälle geschehen nur deswegen, weil sich der Fahrer nicht auf den Verkehr konzentriert, sondern telefoniert, am Autoradio herumfummelt, oder sich sonstwie ablenkt und ablenken lässt. Überall Zerstreuung, Multitasking, Hektit, nirgends Konzentration!
Konzentration erfordert Geduld. Man fängt an einer Stelle an und geht erst dann weiter, wenn man eine Hürde überwunden hat. Das Erlernen eines Musikinstruments erfolgt immer im Modus der Konzentration. Wer an einem Klavier oder an einem Schlagzeug übt, der kann dabei gar nichts anderes tun. Er ist auf das Üben fokussiert, die Sinne sind auf die Musik gerichtet, die Hände (und Füsse) werden zum Spielen verwendet. Der Schlagzeuger übt zu Beginn Trommelwirbel, zunächst langsam, dann immer schneller, nimmt bald verschiedene Trommeln und Becken dazu, variiert den Rhytmus. Der Pianist übt Tonleitern hoch und runter, spielt zunächst einfachere, dann schwierigere Melodien, später mehrstimmige Stücke und Fugen. Seit Jahrzenten und Jahrhunderten wird das Spielen eines Instruments auf diese Weise eingeübt. Es braucht Geduld, Ausdauer und Konzentration, dass nach zehn oder zwanzig Jahren ein guter Musiker dabei herauskommt. In vielen anderen Bereichen werden solche Ansätze jedoch als überholt und unzeitgemäss abgestempelt, was kaum mit eigens gemachten Erfahrungen untermauert wird, sondern motiviert ist durch die marktschreierischen Absichten derjenigen, die angeblich über eine bessere und zeitgemässere – und meistens teurere – Methode verfügen. Solche Marktschreier finden sich viele unter Beratern, Pädagogen und anderen Scharlatanen, jedoch kaum unter Musikern und Handwerkern.
Konzentration kommt nicht zu Stande, weil der Beschluss, sich auf einen Gegenstand zu konzentrieren mit sich bringt, dass man zu praktisch unendlich vielen Alternativen «Nein» sagen muss. Wer sich auf etwas fokussiert, verliert den Rest aus dem Blickfeld. Es ist die Angst vor dem Entsagen.
Auch hindert einen die Angst vor dem Scheitern daran, sich auf ein Vorhaben zu fokussieren, und einen Verzicht auf Unwichtiges mit der Konzentration auf dieses eine Vorhaben zu begründen. Bekennt man sich zu einem Vorhaben, könnten Fortschritte von einem erwartet werden. Doch kann überhaupt etwas von jemandem erwartet werden, der einer persönlichen Neigung nachgeht und sich etwas für sich selbst vornimmt? Würde jemand, der in seiner Freizeit nur fernsieht, jemandem seinen mangelnden Fortschritt und sein Scheitern vorhalten? Könnte einen diese Konfrontation überhaupt treffen? Vielleicht, doch kann einem die Kritik aus diesem luftleeren Raum heraus nichts anhaben. Ihr wäre einerseits mit rationalen Argumenten beizukommen, andererseits könnte man sie mit blosser Schlagfertigkeit hinwegfegen. Das richtige und also erstrebenswerte Mittel ist jedoch die pure Ignoranz solchen Kleingeistern gegenüber. Man muss sich nicht gegen eine solche Kritik, die meistens nur Ausdruck puren Neides ist, wehren, sondern sich innerlich dagegen immunisieren. Wer sich nichts vornimmt, kann auch nicht scheitern. Beim Fernsehen kann man nichts falsch machen, sofern man den richtigen Kanal findet und sich nicht den Fuss mit einer aus den Händen fallenden Bierflasche verletzt.
Ein Philister ist jemand, der keine geistigen Bedürfnisse hat. Ein Kleingeist ist jemand, der nicht versteht, dass etwas ihm nicht erstrebenswertes für sonst jemanden erstrebenswert sein kann. Der Horizont des Kleingeistes entspricht einem Kreis um seinen Standpunkt herum mit dem Radius null. Der Weg zur Konzentration führt an den Philistern und an den Kleingeistern vorbei. Gleichgültigkeit Philistern und Kleingeistern gegenüber ist eine Tugend, wie sie von Stoikern gepflegt wird. Eine Tugend, die man erlernen muss, um Konzentration finden und in seinen Vorhaben weiter kommen zu können.