Lesen und Lernen nach Nassim Talebs Barbell-Strategie

«sowohl als auch» statt «entweder oder»

Nassim Taleb rät dazu, einen grossen Teil seines Geldes (neunzig Prozent oder mehr) in sichere Anlagen zu investieren, z.B. in Schweizer Staatsanleihen. Den Rest (also etwa zehn Prozent) soll man hochspekulativ anlegen, indem man etwa auf den Zusammenbruch von Währungen oder auf einen Staatsbankrott spekuliert. Wir wissen nicht, wie sich die Finanzmärkte entwickeln werden. Bleiben sie stabil, ist der grösste Teil des Vermögens sicher angelegt und wirft moderate Zinsen ab. Kommt es zu Verwerfungen an den Finanzmärkten, zahlt sich die Spekulation auf das unwahrscheinliche Ereignis (der Zusammenbruch einer Währung, der Bankrott eines Staates) aus. Taleb bezeichnet eine solche Strategie als Barbell-Strategie, zu deutsch «Hantel-Strategie». Bei einer Hantel sind die Gewichte aussen an den Stangenenden angebracht, also an den beiden Extremen der Hantelstange. Taleb rät, unser Geld ebenso extrem auf verschiedene Anlagen zu verteilen: geringstes Risiko einerseits, höchstes Risiko andererseits. (Die Metapher schwächelt, soll man doch auf der einen Seite einen sehr grossen Teil in sichere Anlagen, auf der anderen Seite aber nur einen kleinen Teil in spekulative Anlagen investieren, und nicht das Geld gleichmässig verteilen wie die Gewichte auf eine Hantel.) Wir wissen nicht, wie sich die Zukunft entwickeln wird, wir sind aber auf alle Fälle vorbereitet: wir sind antifragil (mehr dazu in Nassim Talebs Buch Antifragile: Things That Gain from Disorder, Random House 2012, 544 Seiten).

So ähnlich sei Taleb auch in seiner Schul- und Universitätskarriere verfahren, indem er immer nur soviel gelernt hat, um durch alle Prüfungen zu kommen, aber nicht zuviel Zeit für das Lernen investieren musste. Seine freie Zeit habe er dann für (unsystematische) Lektüre verwendet und sich bei der Auswahl der Werke von seinem Interesse leiten lassen. Habe ihn ein Buch gelangweilt, legte er es beiseite und nahm sich das nächste vor. Der Trick sei es, von einem Buch, aber nicht vom Akt des Lesen gelangweilt zu werden, wodurch die Bewältigung eines gewaltigen Lesepensums möglich werde (Antifragile, Chapter 16: A Lesson In Disorder, p.241-248).

Zwar besuche ich keine Schule oder Universität, dennoch gibt es für mich Bücher, die ich unbedingt lesen möchte. Im Moment ist es How to Read a Book von Mortimer J. Adler und Charles van Doren (Touchstone 1972, 426 Seiten). Dieses Buch lohnt es sich gründlich zu lesen, Textpassagen zu markieren und Notizen zu machen: direkt ins Buch und in ein separates Notizbuch. Wenn ich Zeit und Musse zum Lesen habe, heisst das nicht, dass ich gerade in diesem Buch lesen möchte. Lieber würde ich in meinem Lehnsessel lesen, was das Nachschlagen im englischen Wörterbuch und das Notieren praktisch verunmöglichte. Mein Ziel ist aber, dieses Buch gründlich zu lesen. Darum sollte ich mich mit Schreibzeug an den Schreibtisch setzen und dort arbeiten, nicht einfach nur lesen. Statt nun gar nichts zu lesen und meine Leselust ungenutzt verfliegen zu lassen, könnte ich ein anderes Buch lesen; ein Buch, das ich nicht unbedingt lesen muss und es darum auch nicht unbedingt gründlich lesen muss. Oder mit Taleb zu sprechen: mich langweilt ein bestimmtes Buch, nicht jedoch der Akt des Lesens.

Also lese ich immer zwei Bücher gleichzeitig: das erste mit der mir grösstmöglichen Konzentration und Sorgfalt, wozu ich mir Notizen mache – und das andere nach Lust und Laune und ohne Ziel, sodass ich es einfach wieder zurück ins Regal stellen kann, wenn es mich langweilt, und ich mich dem nächsten zuwenden kann. Wichtig ist es, sich nicht zu verzetteln und den Nachttisch mit Büchern vollzustellen, in denen man dann ständig lesen muss, sondern sich immer auf ein Buch fokussiert und sich mit einem zweiten Buch amüsiert. Natürlich kostet es Überwindung, ein halb durchgelesenes Buch unter Entfernung des Lesezeichens zurück ins Regal zu stellen, weil man weiss, dass man bei erneuter Lektüre wieder von vorne beginnen muss. Es bringt aber genausowenig, sich zum Lesen eines bestimmten Buches zu zwingen, weil man jetzt schon so weit ist, es dann aber nur mit halber Konzentration liest und es nachher nur zur Hälfte versteht. (Siehe auch Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns: 52 Irrwege, die Sie besser anderen überlassen, Hanser 2012, 248 Seiten; hier Seite 73-75: Warum Sie Ihre Schiffe verbrennen sollten. Die Unfähigkeit, Türen zu schliessen. Dobelli scheint das gleiche Problem mit Büchern auf dem Nachttisch zu haben wie ich.)

Beim Erlernen von Fremdsprachen könnte ich auch so vorgehen. Ich nehme Russisch-Lektionen mit Hausaufgaben und allem, was ein Unterricht für gewöhnlich mit sich bringt. Habe ich gerade Lust, mich mit der russischen Sprache zu befassen, heisst das nicht, dass ich Verben konjugieren oder Vokabeln memorieren möchte – oder mir irgend einen gestellten Dialog zwischen einem Moskoviter Fremdenführer und einem deutschen Touristen anhören möchte. Statt nun einfach gar nichts zu machen, könnte ich in einem Lermontov- oder in einem Tolstoj-Band blättern, auch wenn ich das Meiste noch nicht verstehe. Das ist immer noch besser, als meine Lust auf die Beschäftigung mit der russischen Sprache ungenutzt verfliegen zu lassen. Ich habe den zielgerichteten, zuweilen auch etwas langweiligen Sprachunterricht auf der einen Seite, wofür ich zumindest das Nötigste tun sollte – und das unsystematische stöbern in den Russischen Klassikern (die es im Original lesen zu können mein eigentliches Ziel ist) auf der anderen Seite.

Die Barbell-Strategie ist die Vorgehensweise eines Agnostikers. Uns wird allenthalben eingetrichtert, dass wir systematisch und zielgerichtet unter der Anwendung von Willenskraft lernen sollten; dies sei der Weg zum Erfolg. Das mag zwar stimmen, aber gerade im Spracherwerb lehren uns Kleinkinder, dass es auch völlig unsystematisch und chaotisch geht, wenn man sich einfach an der Sprache versucht, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Wir wissen nicht, welcher Ansatz – der systematische oder der chaotische – uns wirklich zum Ziel führt. Darum verfolgen wir einfach beide Ansätze, womit wir füher oder später ganz sicher an unser Ziel gelangen.