Rechtfertigung
Because That's the Way I Roll, Sucker
Es ist erstaunlich, wie oft man sich für seine Lebensweise und Interessen rechtfertigen muss. Warum Russisch? Warum Französisch? Warum nach Paris, nach Moskau? Warum zu Fuss gehen, wenn es mit dem Fahrrad schneller ginge? Warum freiwillig etwas lernen? Warum dieses oder jenes Buch lesen? Warum ein Musikinstrument spielen? (Warum dieser Text?) Diese Fragen scheinen zunächst harmlos, können sie doch als reine Interessensbekundung gedeutet werden. Doch der Fragende ist selten interessiert, sondern irritiert. Die Antwort, dass man etwas tue, weil es einem gefalle, befriedigt den irritierten Fragenden nicht, höchstens den interessierten. Erst wenn der sich Rechtfertigende einen Grund genannt hat, der dem (irritierten) Fragenden als Rechtfertigung genügt, lässt dieser locker. Russisch und Französisch könnten sich beruflich als nützlich erweisen. Mit einem Photo in Paris vor dem Louvre oder in Moskau auf dem Roten Platz (mit Sandalen, Regenschutz, Bauchtäschchen und Fotoapparat um den Hals!) kann man sich als Kosmopolit und Kulturmensch darstellen. Zu Fuss gehen ist gut für die Gesundheit. Etwas zu lernen kann einem im Beruf weiterbringen. Manche Bücher ebenfalls. (Aber doch nicht solche Bücher!) Mit einem Musikinstrument könnte man irgendwo auftreten. (Und dieser Text dient ja offensichtlich der Rechtfertigung!) Nassim Taleb bezeichnet solche Rechtfertigungen als sucker narrative, wobei der Rechtfertigung Fordernde der sucker ist. Erst wenn eine Rechtfertigung in seine Lebenskonzeption (in sein Narrativ) passt, wird sie akzeptiert.
Für rein private Entscheidungen, die niemandem – nicht mal einem selbst – schaden, sollte man sich nicht rechtfertigen müssen. Es zwingt einen auch niemand dazu, schliesslich kann man die Rechtfertigung auch einfach verweigern. Doch ist das Fordern von Rechtfertigung überhaupt schon eine Belästigung, der niemand ausgesetzt werden sollte. Das Problem liegt nämlich nicht auf der Seite des sich zu Rechtfertigenden, sondern auf der Seite des Rechtfertigung Fordernden. Die Tatsache, dass eine Person eine Sache ungezwungen, d.h. aus einem innerem Antrieb heraus verfolgt, ist schon Evidenz genug, dass dieser Person eben die Sache an sich gefällt. Sie macht nicht etwas für etwas, sondern als reiner Selbstzweck. Diese Konzeption ist es, die der Rechtfertigung Fordernde nicht versteht, nicht das Interesse an einer bestimmten («komischen») Tätigkeit oder Sache.
Für Kinobesuche (und sei der Film noch so schlecht), das Mitwirken in einem Verein (und sei dessen Anlass noch so nichtig) oder die Teilnahme an der Fasnacht (und sei sie noch so primitiv) muss sich niemand rechtfertigen. Und das ist auch gut so! Man könnte dies nun dahingehend deuten, dass verschiedene Leute eben verschiedene Narrative hätten. Sähen sie sich mit etwas konfrontiert, das ausserhalb ihres Narrativs liege, seien sie verwundert und wollten halt wissen, wie dies nun ins Narrativ eines Anderen passe. Leute, die ein weiter gefasstes Narrativ hätten, verlangten eben seltener Rechtfertigung als Leute mit einem enger gefassten Narrativ. Der Unterschied zwischen sucker und nicht-sucker ist jedoch kein quantitativer, sondern ein qualitativer. Der nicht-sucker schert sich einen Dreck um Narrative. Der sucker hingegen kann nicht verstehen, dass etwas ausserhalb seines eigenen Narrativs Liegendes überhaupt erstrebenswert sein könnte. Was ausserhalb seines Narrativs liegt, ist abwegig, unheimlich – und Zeitverschwendung. Wer etwas derartiges verfolgt, muss zu einer Rechtfertigung gezwungen werden, bis diese ins eigene Narrativ hineinpasst. Damit lässt sich sucker ins Deutsche übersetzen. Es bedeutet in diesem Zusammenhang: Kleingeist.
In Anlehnung an Mencken's Law lässt sich nun formulieren: «Wenn A wegen X von B eine Rechtfertigung verlangt, und X niemandem einen Schaden zufügt, ist A ein Kleingeist.» (paedubuchers Gesetz).
Es gibt einen grossartigen Cartoon, der zwei Männer beim Schänden einer Häuserwand zeigt: Einen jungen Mann im typischen Sprayer-Outfit und einen glatzköpfigen älteren Herrn im Professoren-Outfit mit Brille, Tweedjacke mit Flicken an den Ellenbogen und Tabakpfeife. Der junge Mann hat seinen Graffiti-Tag an die Wand geschmiert. Der ältere Herr hat gut leserlich «Edward.» an die Wand geschrieben. Der ältere Herr sagt – wohl nach einer Rechtfertigung gefragt – zum verwundert dreinblickenden Sprayer: «Yes well, legibility and correct punctuation might not be ‹street›, but that's how I roll, motherfucker.»
«Warum Schopenhauer?», werde ich gefragt.
«Because that's how I roll, sucker!»