Scheussliche Lehrmittel

Über Ästhetik beim Lernen

Warum müssen eigentlich Lehrmittel immer hässlich sein? Egal wie motiviert ich bin, mich mit einer Fremdsprache oder einem anderen (schulischen) Gegenstand auseinanderzusetzen: sobald ich ein Lehrbuch öffne, vergeht mir die Lust am Lernen. Sprachbücher sind meistens in verschiedenen Farben in einer schlecht lesbaren Schrift gesetzt und auf glänzendes Papier gedruckt, woran die Tinte abperlt und beim Zuklappen des Buches auf der gegenüberliegenden Seite verschmiert. Es finden sich darin allerlei Tabellen, Infokästen, Piktogramme, Listen, Gegenüberstellungen und sonstige für den Bereich des Sprachlichen völlig deplatzierte Gestaltungselemente. Die freigelassenen Räume in Lückentexten sind meist so knapp bemessen, dass die Lösungen niemals in sie hineinpassen, sodass nach der Bearbeitung einer solchen Aufgabe nur noch eine unlesbare Schmiererei übrig bleibt.

Solche Lehrbücher enthalten oft Zeichnungen, zum Beispiel von einem Hund. Darunter steht dann dog oder chien oder собака geschrieben, mit einer Fussnote, dass dieses Wort in der jeweiligen Fremdsprache Hund bedeute. Ich weiss wie ein Hund aussieht, und wenn ich das Wort Hund lese oder höre, sehe ich auch gleich das Bild eines Hundes vor meinem inneren Auge. Das nennt man Vorstellungsvermögen. Über dieses verfügt jedes Kind. Und jedes Kind weiss auch wie ein Hund aussieht! Also reicht es doch vollkommen wenn dort steht, dass Hund in der jeweiligen Fremdsprache dog, chien, собака oder was auch immer bedeute! Dazu braucht es kein in widerwärtigen Pastellfarben gehaltenes Bild, das meistens so schlecht gezeichnet ist, dass das dargestellte Lebewesen unter seiner fehlerhaften Anatomie niemals überlebensfähig wäre! Noch dümmer ist es, wenn irgendwo ein Mann gezeichnet ist, dessen Schnurrbart, Frisur und Schlaghosen einen sofort an allerlei ästhetische Fehltritte einer glücklicherweise längst vergangenen Zeit erinnern; an die Zeit, in der das Buch geschrieben wurde. Darunter steht dann Charles oder Pierre oder Алексей geschrieben. Als ob aus dem hässlichen Schnurrbart oder aus der lächerlichen Frisur oder von der geschmacklosen Schlaghose hervorginge, dass es sich bei der gezeichneten Person um einen Charles oder um einen Pierre oder um einen Алексей handeln müsse! Aber die Lehrbuchautoren glauben, dass sich die Käufer ihres Machwerks keinen Charles und keinen Pierre und keinen Алексей und keinen Hund vorstellen können, wenn nicht eine optische Repräsentation von einer solchen Entität nebendran abgedruckt ist.

Wahrscheinlich glauben diese Autoren, weil der Käufer ihres Machwerks ihnen in ihrem Fachgebiet unterlegen ist, er ihnen auch in allen anderen Belangen unterlegen sei. Sie glauben mit einem Kind zu reden, das man an der Hand durch ein fremdes (und also feindliches) fachliches Terrain führen müsse, und es sich weniger fürchte, wenn dort alles bunt ist und jedes böse Fremdwort von einem lieben Bild begleitet daherkommt. Dabei geht es doch in einem Sprachlehrbuch um Sprache, die sich auf Papier präziser mit Buchstaben als mit Bildern repräsentieren liesse. Ein Sprachlehrbuch müsste also eine Bleiwüste sein und eher wie ein Roman oder eine philosophische Abhandlung gesetzt sein, als wie ein Bilderbuch oder eine Bastelanleitung.

Das Aufschlagen eines alten aber hochwertigen Buches ist immer ein sinnlicher Hochgenuss. Das Auge erfreut sich an einem schönen Satz und Druck, die Nase findet Vergnügen am Geruch von altem Papier und Leinen, und das Umblättern von Papier mit seinem Rascheln ist ein taktiles und akustisches Erlebnis. Leider geht den Autoren von Lehrmitteln das Feingefühl für solche ästhetische Subtilitäten völlig ab. Es handelt sich um Pädagogen, die sich nur um eine pädagogische, aber nicht um eine ästhetische Erziehung ihrer Klientel kümmern. Es sind diese Lehrer, die ihre Schüler mit PowerPoint-Folien zu Tode langweilen, da sie über keinerlei geistige und sprachliche Eloquenz verfügen, womit sie auch einen trockenen Stoff präzise in Worten vermitteln könnten.

Ob Musik, Literatur, Geschichte oder Sprache: das Lernen macht mir immer erst dann Freude, wenn ich es ausserhalb eines schulischen (und pädagogischen!) Kontexts betreibe; ohne Lehrbücher, ohne Klassenzimmer, ohne Gruppenarbeiten, nach meinem Tempo, gemäss meinem Interesse, ohne Zwang, aus einem inneren Antrieb heraus ‒ ohne Pädagogen; von nichts Unnötigem abgelenkt, sondern hochkonzentriert. Schule hindert mich am Lernen.