Smalltalk
Kleingerede
Was bedeutet das Wort «Smalltalk»? Man braucht gar nicht lange nach einer eine Definition zu suchen, denn die wortwörtliche Übersetzung ins Deutsche – Kleingerede – gibt den Sachverhalt zutreffend wieder. Es wird etwas geredet, und zwar etwas Kleines, es wird im Kleinen geredet, meistens etwas Kleinbürgerliches oder Kleingeistiges. Es muss nicht etwas besonders Dummes sein, nein, dumm reicht schon, besonders muss es nicht sein. Das dumme Daherreden fällt einem besonders leicht, wenn man sich der Flachheit des Geäusserten nicht bewusst ist. Für den Kleinredner ist das Reden im Kleinen wie für den Fisch das Schwimmen im Wasser. Der Kleinredner kann sich nicht im Grossen äussern, wie der Fisch nicht an Land gehen kann.
Der Kleinredner glaubt, sein Gegenüber interessiere sich für die kleingeistigen und kleinbürgerlichen Erlebnisse des Kleinredners des vergangenen Wochenendes. Ist das Gegenüber ebenfalls ein praktizierender Kleinredner, entsteht dieser Eindruck nicht zu unrecht, da sich dieser auch im Kleinen über Kleines zu äussern versteht.
Der Kleinredner ist verbal inkontinent. Die Sprechblase ist nicht zum Platzen angespannt, sie hält einfach nicht dicht. Eine Anspannung kann bei einem Kleinredner gar nicht entstehen. Der Kleinredner ist das volle Spielzeugeimerchen, das bei jedem weiteren hinzufliessenden Tröpfchen um eben jenes Tröpfchen überläuft. Er kann nicht aufnehmen, seine Kapazität ist äusserst gering, er kann nur tröpfchenweise überlaufen.
Der Kleinredner hält die Stille nicht aus. Wird der Kleinredner vom Kleinredestrom abgetrennt, wird es nicht nur um ihn herum still, es wird auch in ihm still. Der Kleinredner muss jeden noch so lächerlichen Eindruck sofort wieder von sich geben, er kann ihn nicht für sich behalten zum Zweck weiterer Reflexion. Darum ist es leer in seinem Kopf und darum wird es still in seinem Kopf, wenn es um seinem Kopf still wird.
Der Kleinredner kann nicht zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden, da er nicht reflektieren kann. Ein Kleinredner äussert keine originellen Gedanken, weil er nie einen originellen Gedanken fasst.
Das Kleingerede der Kleinredner ist nicht an eine bestimmte geistige Situation gebunden, da der Kleinredner nur in der kleingeistigen oder ungeistigen Situation zu Hause ist, wo nur das allen Kleinrednern gemeine gedacht und geäussert werden kann. Es ist durchaus vorstellbar, dass an einem schönen Montagmorgen nach einem verregneten Wochenende an mehreren Arbeitsplätzen gleichzeitig das exakt gleiche «Gespräch» unter Verwendung des exakt gleichen Wortschatzes von xbeliebigen Kleinrednern geführt wird. Beide wissen, dass das Wetter am Wochenende schlecht war, beide wissen, dass das Wetter jetzt am Montagmorgen schön ist, und beide wissen, wie ein kleinrednerisches Gegenüber diese Situation üblicherweise einschätzt – doch diese Einschätzungen müssen dennoch miteinander geteilt werden, man schaukelt sich hoch im Kleinen in die höchsten Sphären des Kleingeistes, wo der grösste gemeinsame Nenner dem geistigen Horizont deckungsgleich ist. Es genügt nicht, das gleiche zu denken, es muss auch das gleiche geredet werden.
Der Kleinredner äussert einen «Gedanken» erst dann, wenn er diesen schon im Kopf seines Gegenübers vermutet. Für einen Geistesmenschen hingegen ist ein Gedanke nur äussernswert, wenn er diesen im Kopf seines Gegenübers eben gerade nicht vermutet, schliesslich wird das Gedankengut so im Kopf seines Gegenübers vermehrt, wie es dem Zweck der gerichteten Kommunikation entspricht. Der Kleinredner erhofft sich von einem Gespräch keinen Zuwachs, sondern Bestätigung. Er möchte nicht bisher Ungeahntes erahnen, sondern seine geistigen Grenzen befestigen.
Das Kleingerede ist, schreibt Erich Fromm (The Art of Being, Open Road Media 2013, 126 Seiten, hier: Kapitel 3 Trivial Talk), ein Markt, auf dem jeder etwas daherreden darf, wenn er dafür auch die anderen etwas daherreden lässt; oder mit Georg Schramm gesprochen: die emotionale Pissrinne, in die jeder seine Sprechblase entleeren darf.