St. Petersburg – ohne Checkliste

Vom Reisen

«Das Gesindel besichtigt ‹Sehenswürdigkeiten›. Noch immer wird also bloß gefragt, ob das Grab Napoleons würdig sei, von Herrn Schulze gesehen zu werden, und noch immer nicht, ob Herr Schulze des Sehens würdig sei.»

—Karl Kraus

Gestern schaute ich mir in St. Petersburg die wunderbare Isaakskathedrale an. Dazu stellte ich mich an eine überraschend kurze Warteschlange vor die Kasse, die ebenso überraschend langsam voran kam. Ich weiss nicht, was die Herrschaften vor mir mit der Kassiererin zu debattieren hatten, aber ein einziger auf Russisch zusammengestammelter Satz meinerseits genügte für die gesamte Transaktion. Ich war 650 Rubel ärmer und zwei Eintrittskarten reicher: die eine für die Kathedrale, die andere für den Säulengang, von welchem aus sich eine wunderbare Aussicht über das sehr flache und kaum mit hohen Bauten verschandelte Zentrum St. Petersburgs eröffnet. Dort oben fiel mir aber das Geniessen der Aussicht äusserst schwer, da ich mich ständig davor hüten musste, nicht zwischen die Leute am Geländer und diejenigen zu treten, die ihre am Geländer stehenden Mitreisenden fotografieren wollten, oder aber selber auf einer Abbildung irgend eines verfetteten, bauchtäschchentragenden Ehepaars aus dem süddeutschen Raum verewigt zu werden.

Ich stieg vom Säulengang ab und begab mich zum Ehernen Reiter. Gerne hätte ich das Denkmal gründlich aus der Nähe betrachtet. Eine Gruppe von Amerikanern auf Segways machte mir eine ruhige und also dem Denkmal angemessene Betrachtung völlig unmöglich. Plötzlich hantierte einer dieser Segwayfahrer an einer meterlangen Metallvorrichtung, befestigte an einem Ende seine Kamera, fasste die Vorrichtung am anderen Ende, hielt sie weit weg von sich um ‒ ein Foto von sich selbst vor dem Ehernen Reiter zu schiessen, nur um sich nach einer schnell erfolgten Überprüfung des Schnappschusses mit hohem Tempo vom Denkmal zu entfernen, und mutmasslich die nächste Sehenswürdigkeit anzusteuern.

Wozu begeben sich solche Leute eigentlich auf Reisen? Sind sie mit einer Checkliste unterwegs, auf der die Punkte Eherner Reiter und Isaakskathedrale stehen, die wiederum Unterpunkte von St. Petersburg sind? Was für Punkte und Unterpunkte befindet sich wohl sonst noch auf einer solchen Liste? Paris: Eiffelturm, Arc de Triomphe, Bootsfahrt auf der Seine, Louvre. Rom: Kolosseum, Petersdom, Spanische Treppe, Fontana di Trevi. Luzern: Uhr kaufen, Dampfschifffahrt auf dem Vierwaldstättersee, Gondelfahrt auf den Pilatus, Löwendenkmal, Kappellbrücke. Moskau: Roter Platz, Leninmausoleum, Basilius-Kathedrale. London: ... usw., usw. (Leben: Schule, Ausbildung, Karriere, heiraten, Kinder, Enkel, Rente, ..., Schweinebraten zum Leichenschmaus.) Für jede Destination gibt es eine Liste von must sees ‒ Bauwerke, Museen, Landschaften, Gemälde etc., die man einfach gesehen haben muss. Man muss die Mona Lisa im Louvre gesehen haben. Und natürlich muss man auch selber ein Foto von ihr geschossen haben, quasi als Beweis, dass man sie gesehen hat: das Ferienfoto als Haken für die Checkliste. Natürlich gäbe es in einem preisgünstigen Ausstellungskatalog sehr hochwertige Fotos von all diesen Meisterwerken mit zusätzlichen Erläuterungen in allen gängigen Sprachen zu kaufen, aber man will ja seine eigenen Fotos davon machen. Es ist dann authentischer.

Ich verstehe nichts von Kunst, ich verstehe nichts von Architektur. Aber die meisten Reisenden verstehen genausowenig davon. Warum soll ich durch all diese obligaten Museen rennen? Warum soll ich von Platz zu Kathedrale, von Säule zu Denkmal rennen? Lernt man etwa dadurch eine fremde Kultur kennen? Ich kann es ja verstehen, wenn sich ein Jäger das Geweih eines bei kaltem Wetter nach stundenlangem Ausharren abgeschossenen Zwölfenders als Trophäe in die Stube hängt, aber steckt hinter dem Kühlschrankmagneten mit einem Bild der Tower Bridge oder hinter der Eiffelturmminiatur wirklich ein sogenanntes authentisches Erlebnis? Und wozu braucht es ein Andenken an diese Sehenswürdigkeiten? Mich erinnern solche Nippsachen immer nur an genervte Touristenmassen, hässliche Souvenirstände mit ihren Marktschreiern, Warteschlangen, Taschendiebe, überteuerte Verpflegung usw. Andenken kommt von denken: man erinnert sich. Muss das erzwungen werden? Ist eine durch zufällige Assoziation (etwa durch Gerüche) hervorgerufene Erinnerung nicht viel interessanter und intensiver als eine ständig durch den Setzkasten erzwungene?

Wozu reise ich? Um Sprachen zu lernen. Um Zeit in einer Grossstadt zu verbringen: anonym, einsam in der Masse, wo niemand etwas von mir will. Dazu kleide ich mich wie zu Hause, gehe unaufgeregt und ohne Kamera und sonstige Touristenkennzeichen durch die Strassen, um unbehelligt bleiben zu können; mache das, was mir lieb ist: durchstöbere Buchhandlungen, versuche mich zwischen den fremdartig anmutenden Bücherwänden zurechtzufinden, setze mich in ein Café, um die Einheimischen zu beobachten, und versuche, einzelne Gesprächsfetzen zu entziffern. Ich spaziere durch Parks, probiere lokales Essen und Getränke, und kehre schliesslich erholt und um einige Eindrücke reicher zurück nach Hause. Ohne Andenken, ohne Fotos, ohne abgearbeitete Checkliste.