Wörter statt Bilder
Lieber abstrakt als unnötig konkret
Vor einigen Jahren besuchte ich einen Fremdsprachenkurs an einer Universität. Dort wurde viel gesprochen, wenig geschrieben; viel gehört, wenig gelesen; viel gestikuliert, wenig konjugiert; teilweise sogar gesungen, aber kaum konjugiert ‒ viel interagiert, wenig konzentriert. Ich habe den Kurs nach wenigen Wochen aufgegeben, da ich weder Fortschritte bei mir feststellen noch Motivation zum Lernen aufbringen konnte. Es mag Leute geben, die sich eine Sprache «spielerisch» aneignen können. Ich gehöre nicht dazu. Nun mag es sein, dass bestimmte «spielerische» Lernmethoden für mich nicht funktionieren, ich hege aber den Verdacht, dass einige dieser Methoden überhaupt nicht funktionieren.
Im besagten Sprachkurs sollten wir ein Memory spielen. Auf den Karten waren Motive mit einfachen, gerade behandelten Substantiven abgedruckt (Katze, Hund, Ball, Regenschirm usw.). Durch das Memoryspiel sollten wir uns die Wörter besser einprägen und sie repetieren, indem wir beim Umdrehen jeder Memory-Karte das entsprechende Bild in der Fremdsprache benannten. Natürlich repetiert ‐ spricht und hört ‐ man auf diese Weise die meisten Wörter mehrmals. Der eigentliche kognitive Aufwand besteht aber nicht in der Erinnerung der Fremdwörter, sondern darin, sich die Position eines bestimmten Bildes ‐ und nicht Fremdwortes ‐ zu merken. Das Bild des Regenschirms verweist nicht auf ein Fremdwort, sondern auf einen Vorstellungsinhalt, den ich in meiner Muttersprache Deutsch mit «Regenschirm» (bzw. in meinem Luzerner-Hinterländer-Dialekt als «Rägescherm» oder einfach «Scherm») bezeichne. Der ganze Akt des Memoryspielens in der Gruppe war unnötig, man hätte besser einzeln mit sogenannten Flashcards gelernt ‐ auf der einen Seite das Fremdwort und auf der anderen Seite das Wort in der Muttersprache. (Ich muss fairerweise ergänzen, dass sich die Klasse aus verschiedensprachigen Studenten zusammensetzte, von denen zwar alle eine Abbildung von, aber nicht alle das deutsche Wort für einen Regenschirm kannten. Doch könnte man andererseits auch Flashcards für verschiedene Ausgangssprachen und eine gemeinsame Zielsprache erstellen.)
Auf der Seite von Viktor D. Huliganov bin ich auf eine Einführung in seine Goldlistenmethode gestossen ‐ eine Methode zum Erlernen fremdsprachiger Vokabeln, mit der man nicht das Kurzzeitgedächtnis mit Ballast anfüllt, sondern Vokabeln in einem langsamen aber genussvollen Prozess ins Langzeitgedächtnis überführt. Zu Beginn des Artikels greift Huliganov die Methode des Visualisierens an. Man könne sich zwar «cot» ‐ das polnische Wort für Katze ‐ einprägen, indem man sich eine Katze in einer Kinderkrippe (auf Englisch: «[baby] cot») liegend vorstelle. Das Gedächtnis werde aber so nur mit unnötigen Ballast (den Eselsbrücken) vollgestopft. Zudem würde auf diese Weise bei jeder Aussprache des polnischen «cot» ein Bild evoziert: eine Katze, die in einer Kinderkrippe liegt. Man könne sich eine polnische Katze dann nur noch als eine in der Kinderkrippe Liegende vorstellen. Dies sei einem flüssigen und also eloquenten Sprachgebraucht bloss hinderlich. Man solle sich das Wort besser im Bezug auf den eigentlichen Vorstellungsinhalt (eine Katze) durch Wiederholung einprägen, als Eselsbrücken zu bauen. Der Erbauer von Eselsbrücken soll sich nicht wundern, wenn nur ein Esel über seine Gedächtnisbrücke trampelt, und nie ein polyglotter Mensch darüber schreitet.
Fremdsprachen erlernt man durch die Beschäftigung mit Worten, nicht mit Bildern.